Mittwoch, 31. August 2011

Ein wenig aufgeregt bin ich doch. So schwer es mir auch fiel, ich habe seit Mitternacht weder geraucht noch getrunken. um 7:10 h ist das Taxi da.

Im Krankenhaus muss ich noch warten. Die OP vor mir verzögert sich. Dann endlich ist es soweit – ausziehen, auf die Liege legen – Zugang legen. Wieder sind mehrere Versuche nötig – ich habe wirklich schlechte Venen. Alle sind freundlich.

Dann werde ich in den OP geschoben, alles wird mit Tüchern abgedeckt – auch über dem Gesicht liegt ein Tuch – über Mund und Nase die Sauerstoffmaske. Den ersten “Pieks” für die lokale Anästhesie bekomme ich noch mit. Das Tuch über dem Gesicht macht mir Angst, ich bekomme sowieso so schlecht Luft (Asthma), aber kurz darauf ist es mir egal – und ich merke erst wieder, wie man mich aus dem OP rollt. Kurze Pause im Aufwachraum – dann zurück zum wieder ankleiden. Es gibt “richtigen” Kaffee – lecker. Und Kekse – weniger lecker. Alle sind freundlich und ich fühle mich gut aufgehoben. Eine halbe Stunde muss ich noch warten – dann darf ich heim.

Wie immer esse ich, wenn ich Mittags dort bin, in der Krankenhauskantine. Damit erspare ich mir zu Hause das Kochen und die Preise sind wirklich moderat.

Morgen muss ich zur Kontrolle wiederkommen.

Montag, 29. August 2011

Um 11:00 h soll ich im Krankenhaus sein. Ich wundere mich, dass ich keine Verhaltensmaßnahmen mitbekommen habe und rufe zur Sicherheit noch einmal im Krankenhaus aus, ob ich evt. nüchtern sein muss.

Muss ich nicht. Es werden heute nur Voruntersuchungen gemacht. Blutkontrolle, Arztgespräche, Anästhesie – und Termin für den Eingriff. Der soll am Mittwoch, früh um 7:30 h erfolgen.

Es gibt erfolreiche Tage

Ein rundum angenehmer Tag.
Das Versorgungsamt hat aufgrund meines Widerspruchs entschieden, dass ich nun doch die Vorraussetzungen für das Merkzeichen “G” im Behindertenausweis erfülle – und man wird meiner Heimatstadt empfehlen, meinem Widerspruch schnellstmöglich abzuhelfen.
Das heißt, die ergänzende Grundsicherung wird um 61 Euro angehoben – das reicht, um das kleine Autochen zu bezahlen, dass hier noch vor der Tür steht. Die nächsten 14 Monate werde ich also mobil bleiben (wenn nichts dazwischen kommt, wie bei jedem anderen auch)
Desweiteren hat das Gesundheitsamt entschieden, dass mir ein Umzug vorerst und bis auf weiteres nicht zuzumuten ist, das bedeutet, ich darf in meinem Häuschen bleiben und bekomme die volle Miete angerechnet.
Im Krankenhaus wurde heute ein EKG gemacht und Blut entnommen, weil ich am Mittwoch früh einen “Port” implantiert bekomme, damit ein ständiger Zugang für die Blutentnahme und die Aufnahme der Chemotherapie gewährleistet ist. Und wenn das soweit verheilt ist, geht es los – mit dem Abenteuer Chemotherapie.
Aber heute ist erst mal ein wunderbarer Tag.

Es wird “ernst”…

Gestern hatte ich ein Arztgespräch in Vorbereitung auf die Chemotherapie. Ich glaube, der Arzt dachte, ich nähme die Sache nicht ernst – er betonte mehrfach, dass das schon eine “richtige” Chemotherapie sei, bei der man mit ALLEN Nebenwirkungen rechnen müsse.
Das bedeutet – der Körper könnte allergische Reaktionen produzieren, weil er weder das Platin noch den Wirkstoff der Eibe will – aber man würde mich “überwachen”. Ich muss damit rechnen, dass meine Immunabwehr nicht mehr funktioniert – das ist besonders gut, da ich seit Geburt unter Asthma leide, mir eine COPD zusätzlich eingefangen habe – und seit der Diagnose Krebs auch wieder rauche. Ein Viruslein (oder ist es ein Bakterium?)  – und ich habe die schönste Lungenentzündung – die dann, unter Umständen, meine letzte ist – und da behaupte noch jemand, ich stürbe an Krebs.
Desweiteren werde ich meine Haare verlieren – da habe ich vorgesorgt, ich hab sie schon jetzt streichholzkurz schneiden lassen, dann fällt das nicht so auf. Ich habe nicht vor, mit einer Perrücke durch die Gegend zu laufen (aber wer weiss, vllt. ändere ich ja meine Meinung noch einmal).
Die Übelkeit und das Erbrechen werden kommen. Das weiss ich noch von meiner ersten Chemotherapie – aber hier gibt es – außer den Chemiebomben, die man schon im Krankenhaus dagegen bekommt, ja ein probates Naturheilmittel. Das macht mir am wenigsten Angst – da weiss ich, was ich tun kann.
Angst habe ich vor der Blutbildveränderung, der geschwächten Immunabwehr und den Auswirkungen auf meinen Kopf – was den “Denkapparat” betrifft. Konzentrationsstörungen gibt es schon jetzt – ich habe wirklich die Befürchtung, das könnte schlimmer werden. Und auf mein “Köpfchen” war ich immer stolz – das präsentierte mir noch in den unmöglichsten Situationen eine Lösung – und sorgte immer dafür, dass ich mir die Welt zur Not “schöndenken” konnte.
Und das soll jetzt alles vorbei sein?
Montag, den 29. August 2011 bekomme ich im Krankenhaus einen “Port” eingesetzt. Bei meinen schlechten Venen bietet sich solch ein Zugang an, da mir andauernd Blut abgenommen werden wird (Kontrolle) und auch die Chemo irgendwie in den Blutkreislauf gelangen muss. Wenn dieser Port “installiert” und die Wunde “soweit verheilt” ist – dann, ja dann beginnt die Chemo.
Nächste Woche. Das ist dann schon September. Im Mai wurde beim CT die Metastasenbesiedelung festgestellt… Und es war immer alles so eilig…
Kinder wie die Zeit vergeht …

Ob ich traurig war? Oder verzweifelt?

Ob ich traurig war – oder verzweifelt?

Ich weiß es nicht.
Die Diagnose war ein Schock – und ich bin nicht so sicher, ob ich nicht noch in diesem Schock-Zustand bin.
Denn mir fehlt jegliche Verzweiflung oder Traurigkeit.
Ja, ich habe geweint – habe bittere Tränen vergossen, und zwar immer dann, wenn ich an meine „Lieben“ gedacht habe, an die Menschen denen ich fehlen werde. Sie sind es, die leiden müssen.     (siehe hierzu: Memento )
Der Tod gehört zum Leben – sagt man. Sagt man so dahin.
Man sagt nicht, er ist das Ende. Man sagt, er gehört dazu – ist ein Teil des Lebens.
Ein Stück davon.
Das Leben ist in viele Abschnitte geteilt – wenn ein Kapitel zu Ende geht, fängt ein anderes an. Die Kindergartenzeit ist vorbei – die Schulzeit beginnt – die Schulzeit ist vorbei – die Lehrzeit fängt an – die Lehrzeit ist vorbei – die Gesellenzeit beginnt … das könnte ich jetzt endlos fortführen. Nicht ganz so präzise aber mit der gleichen Intention sagt man:“Wenn eine Tür zugeht, geht eine andere auf.“
Das bedeutet aber auch – wenn das Leben endet – fängt etwas Neues an.
Was da beginnt, das wissen wir nicht – weil noch niemand zurückgekommen ist, um davon zu berichteten.
Früher (damals) neigte ich dazu, an die Reinkarnation zu glauben. Ich dachte, das sei damit gemeint, wenn man von einem Neuanfang nach dem Lebensende sprach.
Jetzt bin ich einfach nur neugierig auf das, was da kommen soll.

 

Memento

Mascha Kaléko

Memento

Vor meinem eigenen Tod ist mir nicht bang,
nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind?

Allein im Nebel tast ich todentlang
und lass mich willig in das Dunkel treiben.
Das Gehen schmerzt nicht halb so wie das Bleiben.

Der weiß es wohl, dem Gleiches widerfuhr -
und die es trugen, mögen mir vergeben.
Bedenkt: Den eignen Tod, den stirbt man nur;
doch mit dem Tod der anderen muss man leben.

Ich muss sterben

Ich muss sterben …

Das ist wahrlich nichts Neues. Diese Tatsache besteht seit meiner Geburt. Der Unterschied liegt lediglich im Verdrängungsfaktor. Niemand denkt oder glaubt an seinen eigenen Tod.
Dabei kann uns morgen der Himmel auf den Kopf fallen – oder ein Auto uns anfahren, ein Zug mit uns verunglücken oder was es da sonst noch alles an plötzlichen Todesarten gibt.
Bei mir ist es Krebs.
Wahrscheinlich jedenfalls.
Denn die Optionen des Unfalls verbleiben mir auch noch.
Mein Fazit:
Gegenüber vielen anderen Menschen habe ich den Vorteil, dass mir mein bevorstehender Tod ins Bewusstsein gerufen wird. Denn genau das bedeutete die Diagnose Krebs mit der Ergänzung, Chemotherapie kann man nur noch „palliativ“ anwenden – also Heilung ist nicht mehr möglich. Ich „weiß“ jetzt also wieder, dass ich sterben muss.
Das versetzt mich aber auch in die Lage, bewusst zu genießen. Alles, was mir passiert, einfach auszukosten. Die Hilfe, die mir zuteil wird – die Freundschaft, die mir entgegengebracht wird – und die Liebe, die ich geschenkt bekomme.

Diese Stimmung hält immer zwei drei Tage an – und dann muss ich mir schon wieder sagen – ich sterbe. Ich bin sozusagen mittendrin…

Pläne

Man kann ja wunderbar “um die Realität herumdenken” – ohne in Schwierigkeiten zu geraten.
Bis – ja bis dann Pläne ins Spiel kommen.
…Ich wollte hier noch alle Räume streichen lassen – in weiß, damit es endlich heller wird hier, in meinem Hexenhäuschen.
Aber – lohnt das noch?
Im Keller müßten endlich die Stromleitungen neu verlegt werden – lohnt der Aufwand noch?
Selbst Grilltermine vereinbaren ist schwer – ich muss am Donnerstag zur Chemotherapie – da weiß ich jetzt noch nicht, wie es mir am Freitag geht.
Sicher – andere Leute wissen auch nicht, ob es ihnen in zwei drei Tagen gutgehen wird – wobei man ja immer vom günstigsten Fall ausgeht, in einen Gedanken. Bzw. ein – es könnte so etwas wie ein Unfall dazwischen kommen – einfach ausgeblendet wird. Gar nicht existent ist. Das ist dann aber auch “höhere Gewalt”.
Bei mir wäre es ein Planungsfehler.

Im richtigen Leben

Dank an

Irene -

Sie und ihr Mann versorgen mich mit Fahrgelegenheit zum und vom Krankenhaus, mit Wäsche und verwöhnen mich ab und an mit Essen …

Samira

Irenes Tochter – sie sorgt dafür, dass meine Mülltonnen geleert werden und die Wege um mein Haus im Winter schneefrei sind

Birgit

kommt täglich. Zum Bettenmachen, Wäsche waschen, Putzen, Kaffee trinken und plaudern …

einen kleinen Teil davon kann ich Ihr pekuniär vergelten, da das Sozialamt mir eine Haushaltshilfe bewilligt hat.

Fam. Behrend von der Firma 1A Manthey, Autoreparatur in Gummersbach (Link zur Website)

die mir mein Uralt-Töff, dass ich von Vater geerbt hab, für einen Obulus in die Kaffeekasse repariert hat – anstatt eine Riesen-Rechnung zu stellen, die wohl angemessen gewesen wäre.

Die Rathaus Apotheke in Denklingen,

die mir meine Medikamente ohne Murren über 15 km liefert, wann immer ich sie brauche.

Meine Hausarzt-Gemeinschaftspraxis Dr. Bischoff in Denklingen

die auch abends um 22:00 h noch mit mir telefonieren und mir mehr helfen, als das wohl üblich ist.

Last but not least, meine Kinder

die nach dem Tod meines Vaters und meiner OP hier waren, mich pflegten und mir beim Aus- und Umräumen meines Domizils halfen.

meine “Puppa” Daniela (Link) – vom Bodensee

mein “Paule” – Marius – aus Berlin

meine “Micky-Maus” – Meike aus Bad Bevensen