Gestern, bei der Chemo-Therapie, war die Wartezeit wieder einmal recht lang. Vor dem Arztzimmer sprach mich ein junger Mann aus, und wir unterhielten uns kurz. Ich wurde dann zum Arzt gerufen.
Da erst danach die Medikamente für die Chemo-Therapie in der hauseigenen Apotheke des Krankenhauses bestellt werden, war wieder Wartezeit vorprogrammiert. So konnte ich noch in Ruhe in die Cafeteria gehen und frühstücken. Ich saß noch nicht lange da, als eben dieser junge Mann mit seiner Freundin kam und fragte, ob sie sich zu mir setzen könnten. Selbstverständlich, war meine Antwort und wir nahmen unser Gespräch wieder auf. Er erzählte, dass er durch die Chemo Haarausfall befürchte – ich saß vor ihm mit meiner spiegelblanken Glatze und lachte ihn an.
“Warum?”, fragte ich ihn: “Bei Männern fällt das doch gar nicht auf. Es laufen so viele, gesunde Leute mit Glatze herum.”
“Ich möchte nicht, dass alle sehen, dass ich krank bin.”
“Das verstehe ich nicht. Die Haare wachsen doch wieder. Und man sagt, sie würden dann sogar kräftiger und besser – was immer das auch heißen mag – als vorher.”
“Das wäre natürlich schön”, er zeigte auf seinen kreisrunden Haarausfall: “aber es ist mir trotzdem peinlich.”
Ich konnte es ihm nicht ausreden. Sicher, unsere Gesellschaft will kein Elend sehen. Das passt nicht in ihre heile Welt. Armut, Krankheit und Behinderung werden ausgegrenzt. Betteln und Hausieren verboten. Das Schild ist uralt aber nicht veraltet. Daheim fiel mir dann ein – jetzt, vor Weihnachten, wird wieder verstärkt zu Spenden aufgerufen.
Bettler und Obdachlose erhalten Platzverweise – damit man sie bloß nicht sieht. Aber im Fernsehen kommen in der Werbung Bilder von verhungernden Menschen, Straßenkindern, Aids-Weisen, halbverendeten Tieren – wozu? Spendenaufrufe. Die Gesellschaft greift zum Portomonaie oder zur Online-Überweisung und dämpft fürsorglich ihr schlechtes Gewissen.
Und wir in Deutschland, die krank, behindert, arm und obdachlos sind, verstecken uns. Was für ein Dilemma.
Ich für meinen Teil werde mich nicht verstecken. Ich will kein Mitleid ist für mich kein Argument – warum nicht? Ich bin krank, verdammt noch mal. Und ich bin auch arm, weil meine Rente nicht reicht und ich vom Sozialamt das Geld bis Hartz IV aufgestockt bekomme. Als Frau hatte ich nun mal nur sehr niedrige Ansprüche für die Rente erworben – gleicher Lohn für gleiche Arbeit ist da eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden – und so reicht die Erwerbsunfähigkeitsrente einfach nicht aus. Nichtsdestotrotz habe ich alles in Allem 11 Jahre meine Eltern gepflegt und ihr Leben gelebt, anstatt meines. Und jetzt soll ich das Mitleid scheuen? Mir eine Mütze, ein Kopftuch oder eine Perücke aufsetzen – so ein Billigding, dem man aus kilometerweiter Entfernung ansieht, dass es künstlich ist, weil ich ja nur das “Kassenmodell” erhalte und nichts dazu zahlen kann? Nein danke.
Ich werde der Gesellschaft meine Glatze nicht vorenthalten. Und das sollte jeder tun. Stolz seine Glatze zeigen, seine Behinderung, Armut oder Obdachlosigkeit. Den Kampf, den wir alle führen, dokumentieren und der Gesellschaft vor Augen führen. Denn, wie heißt es doch so schön – aus den Augen aus dem Sinn. Und wenn es erst nur zum Mitleid reicht – vielleicht spenden Sie dann auch für uns – in der Hoffnung, sich freizukaufen. Aber vielleicht werden auch einige Menschen nachdenklich. Und sehen, dass wir kein Randproblem sind, dass man ausgrenzen kann (klingt in meinen Ohren wie: “ausmerzen”). Sondern, dass wir Menschen sind, die oft wie Don Quichote gegen Windmühlenflügel kämpfen. Gegen Bürokratie, Ausgrenzung, Nichtbeachtung – gegen dieses Vakuum, in das man uns stecken möchte. Sie sollen uns zur Kenntnis nehmen! Wir sind ein Teil dieser Gesellschaft! Oft eingeschränkt in unserer Leistungsfähigkeit – ja. Nicht dem herrschenden Schönheitsideal entsprechend – von der explosionsartigen Welle der Schönheitsoperationen ganz zu schweigen (von uns würde sich wohl niemand freiwillig noch mal unter das Messer legen, denke ich, schon gar nicht für solch einen Zweck). Aber wir sind da. Wir sind Menschen die Lachen und weinen können, die Gefühle haben.
Hallo Gesellschaft – wir sind nicht tot. Und wir sind kein Randproblem. Es gibt uns. Und das nicht nur zur Weihnachtszeit.