13. Oktober 2011, Donnerstag

Ich habe wohl zu früh frolockt.

Zumindest, was die Nebenwirkungen der Chemo-Therapie angeht.

Seit gestern abend ist mir durchgehend übel und der Magen stark druckempfindlich. Ich habe mich auch – heute früh – schon mehrfach übergeben müssen. Treten die anderen Nebenwirkungen nun nach und nach doch noch auf?

Und was bedeutet das? Wirkt die Chemo jetzt kräftiger? Reichert sich das in meinem Körper an? Und könnte dies widerum ein Zeichen dafür sein, dass das Mittel wirkt – oder schon gewirkt hat?

Meine Arbeitsmotivation ist zwar noch vorhanden, aber nur sehr eingeschränkt. Die Konzentrationsstörungen nehmen ebenfalls zu – und mit der Übelkeit sitzt es sich nicht so gut am Rechner.

So wird die nächste Zeit wohl wieder aus Warten bestehen – warten darauf, dass es besser wird – oder die nächste Chemo dran ist.

10. Oktober 2011, Montag

Es ging auch dieses Mal nicht ohne mächtige Verstopfung ab. Glimpflicher als beim letzten Mal, weil ich die Medikamente anders dosiert habe – aber immer noch schlimm. Beim nächsten Mal werde ich nachbessern müssen.

So habe ich, trotz Arbeitsdrang, beinahe vier Tage wieder im Liegen verbracht. Aber jetzt ist es überstanden und ich kann turnusmäßig zum Arzt fahren, um ein Blutbild erstellen zu lassen.

Und für mein Gefühl geht es noch immer aufwärts.

7. Oktober 2011 Freitag

Am 5. Oktober war die zweite Chemo. Ich habe sie gut überstanden und der Arzt meinte, wir sollten nach dem dritte Zyklus doch schon mal einen Ulltraschall machen, ob die Metastasen reagieren. Das hört sich gut an, für mich.

Außerdem ist am 5. Oktober in mir scheinbar ein Knoten geplatzt. Die Antriebslosigkeit der letzten Zeit ist verflogen und ich habe wieder angefangen, auch daheim, etwas zu tun.

Es ist ja noch viel zu räumen. Nach dem Tod meines Vaters ist noch nicht alles so geordnet, wie ich es gern hätte. Außerdem wartet mein Buch schon lange darauf, weiter geschrieben zu werden – also erst mal die bisherigen Einzelheiten wieder ins Gedächtnis rufen und weiterarbeiten.

Ich hab zwar keine Haare mehr – oder fast keine – aber wenn das die einzige Nebenwirkung ist…

Die Haare wachsen wieder…

Und das Wichtigste – ich kann wieder herzhaft lachen und fühle mich glücklich, wenn ich mich umsehe und mich wieder über meine Umgebung und meine Mitmenschen freuen kann.

Tatsächlich. Das Leben ist schön.

3. Oktober 2011 – Montag

Ich sehe dreißig Jahre älter aus.

Ich hatte ja keine Ahnung, wie schnell das mit dem Haarausfall gehen kann. Heute habe ich den ganzen Tag büschelweise Haare in der Hand gehabt – besonders beim und nach dem Waschen. Jetzt gibt es noch einige wenige silbergraue Fäden – der Schädel scheint schon durch – und die werden wohl auch nicht mehr lange da sein.

Es ist vollbracht – ich habe eine Glatze.

Schnell eine Mütze stricken…. wie soll ich das schaffen bis morgen :(

2. Oktober 2011 – Sonntag

Gestern habe ich die ersten Haare auf meinem Kopfkissen gefunden. Also nicht so zwei oder drei, wie es sonst schon einmal vorkommt, sondern wesentlich mehr. Heute dann noch einmal das Gleiche.

Schade. Ich bin um die meisten Nebenwikungen (erkennbare) herumgekommen und hatte schon heimlich gehofft, auch meine Haare würden verschont. Das stellt sich nun als Irrtum heraus. Ich werde mich mit dem Gedanken anfreunden müssen, bald eine Glatze zu haben. Aber ich werde mich auch mit dem Gedanken anfeinden müssen, eine Entscheidung zu treffen – will ich eine Perücke tragen?

Mittwoch, 21. September 2011

Ich erspare den Lesern Einzelheiten über den weiteren Fortgang des letzten Artikels – bzw. meines Zustandes.

Montag kam mein Hausarzt vorbei (der muss jedes Mal extra 15 km eine Strecke fahren!) und sah nach, ob ich gut versorgt bin und alle Medikamente habe. Er gab mir Hoffnung, indem er sagte, dass nach einer solchen OP der Darm schon mal katatonisch sein kann. Das gibt sich wohl aber mit der Zeit.

So denke ich jetzt, dass meine schlimmen Tage eher als OP-Folgen, denn als Folgen der Chemo-Therapie anzusehen sind.

Seit heute beherrsche ich jedoch wieder den aufrechten Gang und kann tief durchatmen. Dann kann ich sicher auch bald wieder andere Artikel schreiben.

Samstag, 17. September 2011

Ich bestehe noch immer aus Schmerz.

Gegen abend esse ich eine Scheidbe Toastbrot – zwar geröstet, aber trocken. Ich konnte noch immer nicht zur Toilette, die Angst wächst.

Am späten Abend lässt der Schmerz plötzlich ein wenig nach. Ich nutze die Gelegenheit, mich und meine Haare zu waschen – ich gestehe, selbst das hatte ich nicht geschafft.

Leider bleibt diese schmerzleichte Zone nicht lange.

Ich überlege, ein Zäpfchen zum Abführen zu nehmen. Heut Abend sind es vier Tage ohne Stuhlgang. Allerding habe ich davor auch Angst, weil ich nicht weiss, in welchem Zustand sich mein Darm befindet und ob da nicht Dinge geschehen können, die mir noch mehr schaden.

Ich beschließe durchzuhalten.

Freitag, 16. September 2011

Noch am Donnerstag abend straft mein Befinden meine Worte Lügen. Ich falle in ein ganz tiefes Loch. Ich habe Schmerzen – und zwar Schmerzen, die kaum auszuhalten sind.

Da mir der Darm seit Beginn der “Geschichte” in unterschiedlicher Intension weh tut, versuche ich es mit bewegungslos bleiben und eine Position zu finden, in der es am wenigsten schmerzt. Ich habe das Gefühl, der Darm ist mit Beton ausgegossen und die gesamte Oberfläche besteht aus Schmerzrezeptoren. Es wird eine extrem schlimme Nacht zum Freitag – keines meiner Mittelchen hilft – obwohl mich das Naturprodukt eine Weile schlafen lässt.

Den ganzen Freitag geht es weiter. ich magnichts essen und konsumiere über den Tag verteilt drei Zwieback. Und, was mir auffällt und was mir Angst macht – seit dem Tag der Chemo konnte ich nicht mehr abführen.

Ich übe mich in Geduld.

Donnerstag, 15. September 2011

Der Tag danach

Gestern war der erste Termin für die Chemo-Therapie.
Zunächst also doch noch einmal ein Vorgespräch. Die Medikamente, die ich besorgen wollte, müssen in einem bestimmten Modus direkt vor und nach der Chemo genommen werden.
….
Und dann geht es los. In den Therapieraum. Rings herum sitzen Patienten und allen läuft Flüssigkeit in die Venen. Neben dem Hauptraum ein weiteres Zimmer. Hier ist noch ein Platz frei. Der Pfleger kommt und stellt sich vor. Ich erzähle, dass es meine erste Chemo ist und das es mir helfen würde, wenn er mir erklärt, was passiert. Daran hat er sich die ganze Zeit gehalten.  Es erfolgt das “erste Anstechen” meines Port. Ich merke kaum den Piekser der Nadel und schon ist alles erledigt. Selbst das Fixieren der Nadel erklärt mir der Pfleger – eben genauso als wäre ein Zugang im Arm. Ich bekomme also die Medikamente (die ich ja hätte vorher schlucken sollen) in die Venen. In der Zwischenzeit wird meine Chemo in der Hausapotheke bestellt. Danach darf ich noch gehen (ich muss ja unbedingt noch eine Zigarette rauchen) Der Pfleger fragt, ob ich ein Handy dabei hab und lässt sich die Nummer geben. So kann ich in Ruhe losmarschieren – er ruft mich an, wenn die eigentliche Chemo da ist.
Dann ist es soweit – die Chemo wird angeschlossen – der erste Beutel läuft durch (Eibe-Paclitaxel oder so) – danach folgt ein Spülung mit NaCl – und dann kommt das zweite Medikament – das Platin. Die Schwester fragt, ob ich einen Kaffee möchte. Kurz darauf kommt sie erneut und fragt, was ich zum Mittag essen mag. Ich bin völlig von den Socken und komme mir ein wenig vor, wie in der “Sommerfrische” – ich bin es nicht gewöhnt, so bedient zu werden. Ich bekomme auch Wasser. Für die Wartezeit hatte ich mir ein Hörbuch mitgebracht – aber es ergeben sich Gespräche mit anderen Patienten. Dann leert sich nach und nach der Therapieraum. Ich habe als letztes angefangen mit der Chemo und so bin ich dann auch die letzte im Zimmer. Der Pfleger und die Schwestern kommen auf einen kurzen Plausch. Ich darf zwischendurch den Sitzplatz wechseln – es gibt auch Untersuchungsstuhlliegen, auf denen man es sich bequem machen kann – und so ist die Zeit dann doch sehr schnell vorbei gegegangen. Zweieinhalb Stunden etwas für die Flüssigkeiten.
Mir geht es noch immer gut und ich freue mich auf zu Hause. Ein neuer Termin, neue Verhaltensmaßregeln und ich kann fahren. Mit dem Taxi geht es heim. Es ist der gleiche Fahrer wie am Morgen und er fragt auch prompt, wie es mir geht.
Daheim unterrichte ich erst mal all meine Lieben, dass es mir gut geht – und dann lege ich mich ein Stündchen hin. Ich bin sofort eingeschlafen – die Nacht vorher war unruhig.
Und ich muss sagen (Toi, toi, toi) – jetzt, am frühen Morgen danach, es geht mir noch immer gut. Im Gegenteil – ich bin vollkommen schmerzfrei und spüre (noch) keinerlei Nebenwirkungen der Chemo. Erleichterung pur.