16.November 2011

Es ging mir gut in den lezten Tagen. Montag war die Ulltraschall-Untersuchung, aber der untersuchende Arzt sagte nicht viel dazu. Das Arztgespräch habe ich erst heute – vor der Chemo.

Es sieht wohl ganz gut aus – was immer das heißen mag. Dem Bericht entnahm ich, dass kein Bauchwasser vorhanden sei (das ist wohl sehr gut) und die Organe klar abgrenzbar seien (das hört sich für mich auch nicht schlecht an), die Leber ist leicht verfettet (das wusste ich schon) und mehr von dem “Kauderwelsch” konnte ich nicht entziffern. Ich habe daher bis jetzt einfach vermieden, mir ein Urteil über die Sache zu bilden.

Heute nachmittag werde ich müde sein – aber auch ein Stückchen schlauer. Bis dahin also …

31. Oktober 2011, Montag

Montag, nach der Zeitumstellung – also, zurück zur “Normalzeit”.

Davon hab ich nichts mitbekommen. Ich fühle mich noch immer schlapp – die Gliederschmerzen haben nachgelassen, ebenso die Schluckbeschwerden. Ich bin “nur” noch müde. Ich habe in den letzten Tagen fast nur geschlafen. Allerdings werden die Wachphasen  jetzt wieder länger, und ich hoffe, in ein oder zwei Tagen ist es für dieses Mal auch überstanden.

Noch immer glaube ich, die “geringen” Nebenwirkungen sind ein Preis der es Wert ist, bezahlt zu werden – wenn die Chemo anschlägt. Dazu werde ich genaueres wissen, wenn am 16.11. die Ulltraschall-Untersuchung gemacht wird.

Irgend ein gütiges Schicksal hat dafür gesorgt, dass ich mich ausschließlich um mich selber kümmern muss zur Zeit. Das heißt, ich kann mich einfach fallen lassen in dem Bewußtsein, das es anders wird. Ohne “schlechtes Gewissen” weil ich irgendetwas vernachlässige.

Und so ist auch meine Gemütsverfassung gut. Ich bin optimistisch und setze täglich einen Fuß vor den anderen. So geht es immer ein Stück weiter und jedes Stück nährt die Hoffnung auf Besserung.

29. Oktober 2011

Diese Chemo Therapie ist doch sehr hartnäckig. Immer, wenn ich denke, eine der Nebenwirkungen gemeistert zu haben  – kommt etwas anderes.

Jetzt, seit zwei Tagen – Halsschmerzen, Schluckbeschwerden – und in der letzten Nacht Kopf und Gliederschmerzen. Ich wache auf und habe nicht das Gefühl, geschlafen zu haben. Und ich fühle mich nicht “ganz klar” im Kopf – so ein bisschen in einer irrealen Welt – nichts ist fassbar, und ich frage mich, was soll ich hier? Und wo bin ich überhaupt.

Ich hoffe, wenn ich eine Weile wach bin, vergeht dieses Gefühl. Verscheuchen mit Alltagstätigkeiten heisst die Devise im Moment.

Und dann wieder einer der schönen Augenblicke, es klingelt, und meine Nachbarin reicht mir zwei frische Brötchen herein. Das tut sie ab und zu, und ich genieße es. Heute merke ich jedoch, dass mich die Freude nicht ganz durchdringt – irgendwie bin ich nicht richtig da.

Na, mal sehen, was der Tag noch bringt.

Seit gestern schreibt jemand unablässig Kommentare, von denen ich nicht so richtig weiß, was ich davon halten soll. Langeweile? Ernst gemeint?

Jedenfalls bewegt sich hier etwas.

28. Oktober 2011 – Chemo wieder hinter mir

Dieses Mal war die Chemo irgendwie besonders. Längst vertraut, mit dem was passiert, kam dann doch noch etwas Neues hinzu. Eine Psychologin kam in die Onko-Ambulanz und stellte uns einige Kurse vor, die man kostenfrei besuchen kann.

Dazu gehören Malen, tanzen, Kaffeeklatsch und Schminkkurse. Bei letzterem wird natürlich besonders auf die Situation von uns “Haarlosen” eingegangen – und man kann von der “Pike” auf lernen, wie geschminkt wird. Selbst das notwendige Equipment hierfür wird gestellt. Ich denke, ich werde mir das einmal ansehen – man lernt sicher viele neue Menschen kennen, bekommt neue Gedanken und Anregungen und hat ein wenig Abwechslung. Ich finde solche Angebote einfach nur toll.

Und ich, die ich schon bei der ersten Krebserkrankung schon immer mal mit einem Psychologen reden wollte, was allerdings an Termin- und Kostenübernahmeproblemen scheiterter, sprach die Frau direkt darauf an – mit dem Erfolg, dass ich bereits am Montag einen Termin habe. Ich muss sagen, ich freue mich schon auf diese Gespräche.

Außerdem ist es mir dieses Mal gelungen, die Verstopfung zu umgehen und mir dabei eineinhalb Wochen Qual zu ersparen. Das macht mich besonders froh. Allerdings kam kurzfristig eine weitere Nebenwirkung dazu. Seit gestern abend habe ich massive Schluckprobleme und Halsschmerzen. Auch die Schleimhäute scheinen sehr trocken.

Aber OK – auf in den Kampf – auch diese Schwierigkeit werde ich überwinden.Ich bin da sehr zuversichtlich.

18. Oktober 2011

Die letzten Tage waren durchwachsen. Jetzt nach der zweiten Chemo hat es mein Darm scheinbar noch schwerer, eine Art “Normalzustand” herzustellen – und der Magen leistet ihm Gesellschaft dabei.

So wechseln sich Verstopfung, Magenschmerzen und Übelkeit ab – meist konzentriert es sich dabei allerdings auf die Morgenstunden.

So stehe ich gegen 4:00 h auf – und ab etwa 10:00 h bin ich dann “durch” und kann den “normalen” Alltag beginnen.

Ich arbeite weiter an meinem Buch. Das macht Spaß, lenkt ab und ich erfülle mir damit einen langgehegten Traum. So gehen die Tage manchmal vorbei, ohne dass ich weiss, wo sie geblieben sind. Und das ist für mich widerum ein Zeichen, das Richtige für mich gefunden zu haben.

Ich fühle mich noch immer zufrieden und dadurch erscheint mir die zunächst verloren geglaubte Zukunft in einem durchaus positiven Licht. So erlebe ich tatsächlich Glücksmomente  – ohne Wenn und Aber.

13. Oktober 2011, Donnerstag

Ich habe wohl zu früh frolockt.

Zumindest, was die Nebenwirkungen der Chemo-Therapie angeht.

Seit gestern abend ist mir durchgehend übel und der Magen stark druckempfindlich. Ich habe mich auch – heute früh – schon mehrfach übergeben müssen. Treten die anderen Nebenwirkungen nun nach und nach doch noch auf?

Und was bedeutet das? Wirkt die Chemo jetzt kräftiger? Reichert sich das in meinem Körper an? Und könnte dies widerum ein Zeichen dafür sein, dass das Mittel wirkt – oder schon gewirkt hat?

Meine Arbeitsmotivation ist zwar noch vorhanden, aber nur sehr eingeschränkt. Die Konzentrationsstörungen nehmen ebenfalls zu – und mit der Übelkeit sitzt es sich nicht so gut am Rechner.

So wird die nächste Zeit wohl wieder aus Warten bestehen – warten darauf, dass es besser wird – oder die nächste Chemo dran ist.

Na, dann mach’s doch…

Immer häufiger ertappe ich mich, wie ich bei mir: “Na, dann mach’s doch” denke.
Erst kommt eine Idee – zum Beispiel, am liebsten würde ich jetzt eine Stunde schlafen – und dann folgt direkt – Na, dann mach’s doch.
Oder – die Bücher in dem Regal müßten mal wieder richtig sortiert werden…
Na dann mach’s doch.
Jetzt könnte ich was essen. Na, dann mach’s doch.
Die Schranken in meinem Kopf fallen. So viele Dinge, dich ich vor der Diagnose nicht einfach starten konnte, weil ich Rücksicht auf dieses oder jenes nehmen musste (wollte). So viele Dinge, bei denen ich die Folgen bedenken oder die Zeit zu kalkulieren hatte. All diese Schranken fallen plötzlich weg – ich lebe allein hier – und es ist völlig egal, ob ich um zwei. fünf oder sieben Uhr esse, um sechs, neun oder zwölf Uhr schlafe oder um drei oder vier Uhr bügele. Niemand, den ich störe, keine Termine, die dringend eingehalten werden müssen, kein Druck, etwas fertig zu bekommen – auch eine Art von Freiheit?
Ich denke, hier spielt der “Point of View” wieder ein wichtige Rolle – ich habe früher sehr oft daran gedacht, wie es wäre – ohne “müssen” zu leben, ohne Termindruck. Jetzt lebe ich so – und es hat ein wenig gedauert, ehe es mir aufgefallen ist.
Merkwürdig fühlt es sich schon an. Einfach so etwas tun zu können, ohne vorher einen Blick auf die Uhr zu werfen und zu prüfen, ob denn die Zeit dafür vorhanden ist.
Dann könnte ich jetzt eigentlich noch ein wenig in meinem aktuellen Buch lesen.
Na, dann mach’s doch.

10. Oktober 2011, Montag

Es ging auch dieses Mal nicht ohne mächtige Verstopfung ab. Glimpflicher als beim letzten Mal, weil ich die Medikamente anders dosiert habe – aber immer noch schlimm. Beim nächsten Mal werde ich nachbessern müssen.

So habe ich, trotz Arbeitsdrang, beinahe vier Tage wieder im Liegen verbracht. Aber jetzt ist es überstanden und ich kann turnusmäßig zum Arzt fahren, um ein Blutbild erstellen zu lassen.

Und für mein Gefühl geht es noch immer aufwärts.

7. Oktober 2011 Freitag

Am 5. Oktober war die zweite Chemo. Ich habe sie gut überstanden und der Arzt meinte, wir sollten nach dem dritte Zyklus doch schon mal einen Ulltraschall machen, ob die Metastasen reagieren. Das hört sich gut an, für mich.

Außerdem ist am 5. Oktober in mir scheinbar ein Knoten geplatzt. Die Antriebslosigkeit der letzten Zeit ist verflogen und ich habe wieder angefangen, auch daheim, etwas zu tun.

Es ist ja noch viel zu räumen. Nach dem Tod meines Vaters ist noch nicht alles so geordnet, wie ich es gern hätte. Außerdem wartet mein Buch schon lange darauf, weiter geschrieben zu werden – also erst mal die bisherigen Einzelheiten wieder ins Gedächtnis rufen und weiterarbeiten.

Ich hab zwar keine Haare mehr – oder fast keine – aber wenn das die einzige Nebenwirkung ist…

Die Haare wachsen wieder…

Und das Wichtigste – ich kann wieder herzhaft lachen und fühle mich glücklich, wenn ich mich umsehe und mich wieder über meine Umgebung und meine Mitmenschen freuen kann.

Tatsächlich. Das Leben ist schön.